Zeitlicher Bezug: 12.04.2021

Drive By - Fotoausstellung zur Alanbrooke Kaserne an der Elsener Straße

Tobias Vorwerk, Ausstellung am Zaun

Sechs Fotografinnen und Fotografen – sechs unterschiedliche Perspektiven auf die ehemalige britische Kaserne an der Elsener Straße. Aufgetürmte Pflastersteine, ein zerbrochener Wintergarten, leere Panzerhallen, endlose Flure, rotweiße Backsteingebäude – Zeugen einer Zwischenzeit. Bevor auf dem Gelände der Alanbrooke Kaserne ein ziviles Wohnquartier entsteht, haben die Fotografinnen und Fotografen die Gunst der Stunde genutzt und sind den Spuren nachgegangen, die das britische Militär hinterlassen hat – vom Keller bis zum Dachboden.

Erstmals sind die Ergebnisse dieser umfangreichen Fotoexpedition öffentlich – und das am Ort des Geschehens. Seit dem 7. April werden am historischen Zaun der Alanbrooke Kaserne auf über 100 Metern rund 65 Bilder präsentiert. Alle Passantinnen und Passanten sind herzlich eingeladen, sich die Fotografien aus der Nähe (unter Einhaltung der Corona-Schutzverordnung) anzusehen. Die Fotos werden bis in den Sommer zu sehen sein.

Soldaten prägten mehr als 200 Jahre das Bild der Stadt Paderborn – preußische, deutsche, britische. Mit dem Abzug der britischen Truppen 2019 ging diese Epoche der Stadtgeschichte zu Ende. Die Kaserne an der Elsener Straße, von den Preußen für das 158er Infanterieregiment errichtet und von dem britischen Militär bis 2016 genutzt, steht exemplarisch für diese Entwicklung. Heute stehen elf Gebäude sowie der zentrale Appellplatz unter Denkmalschutz. In den kommenden Jahren wird hier ein neues Stadtquartier mit Wohnungen, Kindergarten und Arbeitsmöglichkeiten entstehen. „Die im Krieg nicht zerstörte Kaserne ist heute ein eindrucksvolles Zeugnis der Paderborner Garnisonsgeschichte. Grund genug, um den Übergang von der Kaserne zum Wohngebiet fotografisch zu dokumentieren und den Bürgerinnen und Bürgern zu präsentieren“, freut sich Dr. Andreas Neuwöhner vom Kulturamt der Stadt Paderborn.

Die Fotograf*innen
Wolfgang Brenner, Künstler. Die Fotografien von Wolfgang Brenner haben einen collagierten, arrangierten Charakter. Während sich in den Arbeiten häufig ein perspektivisches Fluchtmoment findet, schaffen die nahezu konstruierte Aufteilung und die geometrischen Formen völlig neuartige, nie dagewesene Zusammensetzungen. „Die bewusste Anordnung alltäglicher Gegenstände und Bauformen in meinen Fotografien erzeugt den Anschein einer zeichnerisch, malerischen Komposition aus Flächen, Licht und Konturen“, erklärt Brenner.

Axel Czypionka, Pädagoge, fotografiert seit acht Jahren. Obwohl er die Musik als seine größte Leidenschaft betrachtet, rückte das „Bild als Solches“ zunehmend in den Vordergrund. Er findet es an besonderen Orten, aber auch im Umfeld. „Das Foto muss eine Geschichte erzählen können! Das hatte die menschenleere Alanbrooke Kaserne tausendfach zu bieten. Vergangenheit und Zukunft, alles war in der Weite der verlassenen Soldatenunterkunft spürbar. Ein berührendes Erlebnis“, so Czypionka.

Jörg Lütkemeier arbeitet als Lehrer und Künstler. Aktuell ist die Fotografie das Medium, mit dem es ihm vorwiegend um die Balance zwischen Struktur und Assoziation – dem Spiel des Zufalls – geht. Ebenso sind Spuren von Vergangenem, wie sie in der Kaserne zu finden sind und waren, Thema und Schwerpunkt seines Blickes: „Abbröckelnde Farbe, von Pflanzen überwucherte Mauern oder ein zusammengefallenes Gewächshaus erzählen eine Geschichte und lassen Raum für Assoziationen“, betont Lütkemeier

Andreas Neuwöhner, Historiker, ist vor allem an den historischen Spuren der Briten interessiert. „Zeigen sich noch Hinweise auf die militärische Nutzung? Gibt es Spuren, die das Individuum aus dem Vergessen der Geschichte hebt? Orte, wie die Alanbrooke Kaserne, an denen die Zeit stehen geblieben ist, faszinieren mich. Hier scheint die Geschichte eingefroren“, verdeutlicht Neuwöhner. Sein Blick ist somit dokumentarisch.

Dagmar Venus, Fotografin. Ihre Fotografien vereinen harmonisch Gegensätze: Flüchtigkeit und Stillstand. Während sich in den Bildern der Fotografin meist eine ruhende Konstante findet, bricht ein dynamisches Transparent häufig diesen ersten Eindruck von Permanenz. „Durch das Spiel mit doppelter Belichtung entstehen so Kompositionen, die dem Bild seine Zweidimensionalität nehmen und Grenzen zwischen Anschein und Sein auf malerische Art und Weise verschwimmen lassen“, so Venus.

Tobias Vorwerk ist seit 2018 Vorsitzender des Paderborner Vereins Cheezze e.V. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, die zeitgenössische Fotografie in Paderborn zu fördern. „Neben regelmäßigen Ausstellungen von renommierten und bereits etablierten Künstlern steht für Cheezze die junge Fotografie im Fokus“ erklärt Vorwerk. Mit dem „Young Cheezze Award für Fotografie“ hat der Verein 2019 einen neuen Wettbewerb für junge Fotografinnen und Fotografen ins Leben gerufen, um sie bei ihrem Weg in die Öffentlichkeit zu unterstützten. Thematisch steht für Cheezze die Auseinandersetzung mit den Veränderungen, Entwicklungen und Chancen des globalen Alltags im Fokus.